Dieser Text, diese Worte, hätten den eigenen Platz vor langer Zeit finden sollen.
Diese Zeichen hätten viel früher geschrieben, eingegeben, herzlich wahrgenommen und gelesen werden sollen. Das heißt deutlich früher als die Sekunde, in der ich beschloss, jene Züge zu konkretisieren. Ich war in meiner Innsbrucker Zeit daran gewöhnt, gerade auf die Serles von der Meinhardstraße aus zu schauen und irgendwann beschloss ich, dass ich mehr erfahren wollte.
Ich werde eine Geschichte von Bergen, Definitionen und um zwei Schritte vom Himmel entfernte Augenblicke erzählen.
20. August 2024: Ein Tag der Selbstfindung.
Genau an diesem hochsommerlichen Dienstag entschied ich mich dafür, zu entdecken, hochzusteigen und auf den Gipfel jener Pyramide, die ich so lange betrachtet hatte, zu gehen.
Ich werde über einen Berg erzählen, dessen Name von Jahrtausenden Sprachgebrauch gemeißelt wurde und aus einem Zeitalter stammt, in dem eine Minderheitssprache wie das Ladinische von Cortina d’Ampezzo-Anpezo keine Etikettierung, keine Grammatikbücher sowie keine Schulprogramme benötigte.
Als freier Bergmensch suche ich immer gute Ansätze, um das Territorium um mich besser kennenzulernen. Während einer dieser spontanen Konversationen bei der Arbeit erfuhr ich dank einem Herrn, dass das Wort Berg eben als „Berg, der“ verzeichnet wird. Außer der Serles. Die sei der „einzige“ Bergname, der durch ein feminines Genus unterscheidet wird. Das hieß: praktisch ganz viele Gipfelnamen seien maskulin außer in einem Fall, außer dem Berg, der sich an die Dolomiten – wo ich geboren und gewachsen bin – wagt, zu erinnern.
Eine 2717 Meter hohe Pyramide. Ich las weiter…
Der Begriff „Sonne“ wird mit einem femininen Genus im Deutschen geknüpft. Auf Ladinisch hieß es über Jahrhunderte „Suredl“, während unser Stern als „soróio“ in Anpezo-Cortina d’Ampezzo übertragen wird. In aller Klarheit, stammen „soróio“ und „suredl“ aus der gleichen Wurzel und zwar der klassischen lateinischen Wurzel „sol“. „Suredl“ gab diese Einprägung und den Bezug auf die Sonne weiter, während das im 15. Jahrhundert etablierte romanische Toponym „Sörl“ die finale Form der Serles beeinflusste. Die Tafel am Serlesjöchl legte mir an jenem Tag genau diese Deutung vor. Ich nahm sie an, wie sie sich mir zeigte.
Aber fokussieren wir uns einmal auf jenen sagenumwobenen Dienstag und jenem Sommertag voller Sonne und leerer Wolken. Als Sprachmittler und Übersetzer, der sich mit einer neuen Umgebung auseinandersetzte, fand ich diesen etymologischen Fall besonders relevant.
Wie man sagen würde: „Wenn du die Art und Weise, wie du die Welt siehst, änderst, ändert sich denn auch das, was du siehst“. So bin ich diesen steilen Weg im Stubaital gegangen – vielleicht gleich schnell, wie praktisch immer, wenn ich alleine unterwegs bin. Nach ein paar Atemzügen waren es noch einige Hundertmeter bis zum „Serlesjöchl“ – eine Scharte, von der man gut über Steinach am Brenner schaut. Ich sah ein Schild, das man auf den dieser Erzählung beigefügten Bilder sieht. Ich las, warum sich die Serles „Serles, die“ heißt und ein femininer Berg ist, obwohl die deutsche Grammatik dies anders vorsähe. Im Übrigen hatte Goethe sie „Hochaltar Tirols“ benannt.
Genau nach letzter Erkenntnis wurde mein Schritttempo noch schneller.
Ich fing an zu sehen: Berggipfel und Alpendohlen, letztere durfte ich gerne ansprechen.
Am Bergkreuz begriff ich, wovon Goethe sprach: so viele Bergnamen hätte ich mir nie merken können. Eine andere Alpendohle flog mit den Flügeln und ich mit der Seele.
Ich hatte so einen Eindruck dabei, dass wir beide gleich frei und gleich gestellt waren und, dass wir vergleichbar hoch hinauf zu einem Sicherheitsabstand von dem Boden schwebten. Ich traute mir sogar, der Dohle ein Tarallo anzubieten.
Essen verbindet, das weiß man ja.
Nach einem Power-Nap am Gipfelkreuz, fing ich allmählich an, abzusteigen. Die Wolken hatten den Stubaier Gletscher umzingelt und dies fand ich auf 2717 Hm. eher nicht gut. Der Wind warf die nepalesischen Flaggen heftig herum. Ich war noch auf dem Rückweg, teilweise lief ich bergab. Zum Abendessen gab es Pizza und eine schöne Erinnerung. Gut fühlte sich auch die Müdigkeit der Beine an: es war jene Müdigkeit, die sich eher als eine Belohnung anfühlt.
Genau so war es: ich fand heraus, warum man den Hochaltar Tirols mit „sie“ anreden muss. Das über Innsbruck sich erhebende Symbol des Stubaitals, am Rande der alpinen Hauptstadt, trägt deswegen einen ewigen von den alten ladinischen Völkern gegebenen Namen, ewig wie die geometrische pyramidale Form, die der Berg zu eigener Gestalt hat. Die Serles erhielt also ein klares Toponym und, als ich in diese Geschichte tauchte, gelangte ich zur folgenden goldenen Erkenntnis:
Die Berge erzählen keine Lügen. Sie taten dies nie und werden dies nie tun.
Auf dieser Spitze oberhalb von Fulpmes im Stubaital wird es noch auf Ladinisch geflüstert.
Nun berichte ich davon, dass dies unschätzbar wertvoll ist: die reinen Berge, in deren Gesellschaft ich wachsen durfte, erzählen mehr von ihren Gebieten – zwischen eigenartigen Namen und nicht nachzuahmenden Gestalten – als Jahre Gefechte, Auseinandersetzungen, Konventionen, Frieden und Verträge je machen durften, wenn nicht konnten. Jetzt, zum springenden Punkt: die Berge brauchen keine Definitionen, weil sie über von Generation zu Generation seit dem Urknall weitergegebene Traditionen fortbestehen. Sie belehren die Menschheit als Gesamtheit, dem eigenen Ruf angemessene Definitionen zu äußern und zwar im Einklang mit der bloßen Fähigkeit, die Elemente des Realen bei Namen nennen zu dürfen.
Bei diesem großen Ganzen darf man folgendes aber nicht vergessen:
In der Époque der Moderne steht ein Berg ohne die ihm aufgedrückten Definitionen aufrecht.
Und wir?
Die Antwort zu dieser Frage bringt die von modernen Köpfen auf den sumpfigen Böden bebauten Paläste aus Kristall, die deren (Un)Sicherheiten Heim sind, zum Schwindeln. Hier spricht der Bergmensch: anders ist die Resonanz von dem über Wege erreichten Platz am Gipfelkreuz als die der Aufgabe, jene Paläste hochzusteigen - unabhängig von deren Beschaffenheit, also aus Vorstellungen sowie Edelstahl und Beton.
Die Berge äußern sich in Worten – soweit bekannt – nicht. Doch können sie etwas sehr, sehr gut: uns das Zuhören erzwingen und uns an unserer Kleinigkeit erinnern.
Sie sagen kein Wort, erzählen keine Lüge, fällen kein Urteil.
Im Gegensatz zu manchen glänzenden Glasfassaden scheuen sich die Berge vor keinen Erdbeben.
Ménego











